Der Andere

Omi sitzt auf der Parkbank unter einem Baum. „Fridolin“, ruft sie. Der Kleine tappst auf sie zu. Ein laufender Meter, wie Opa sagt, der dabei ist, die Welt zu erkunden.
Fridolin sieht auf den Weg vor sich, vorsichtig. Da ist jemand. „Da, da“, babbelt er. Sein Finger zappelt voran. Er tippelt hinterher, der Andere immer voraus. Fridolin kommt ihm nicht näher. Seine Beine sind noch sehr kurz.
Die Omi winkt ihm. Er will zu ihr. Aber immer ist der Andere vor ihm. Fridolin bleibt stehen. Der Andere auch. Schwarz ist er, der Andere, und größer ist er auch.
Jetzt dreht Fridolin sich zum Opa um, der hinter ihm den Kinderwagen schiebt. Der Kleine blinzelt in die Sonne. Der Andere ist plötzlich nicht mehr bei ihm, nicht mehr zu sehen. Nur Opa ist da mit dem Wagen. Und da, genau vor dem Opa ist der Andere wieder.
„Fridolin“, ruft die Omi von der Bank unter dem Baum. Er zögert. Dann wackelt er weiter zur Omi. Und erneut ist der Schwarze bei ihm, nicht so groß wie der bei Opa. Fridolin läuft dem Anderen wieder hinterher. Er holt ihn nicht ein.
Die Omi steht auf und breitet ihre Arme aus. Fridolin rennt, was er rennen kann. Dann bleibt er wieder stehen, genau unter dem Baum, und schaut umher. Verwunderung steht in sein Gesicht geschrieben. Wieder ist der Schwarze weg.
„Jetzt können wir uns zur Omi unter den Baum setzen“, kommt Opas Stimme von hinten. Fridolin wendet sich um. Da ist auch der Andere wieder, wieder vor dem Opa auf dem Weg. Ein paar Schritte, dann steht der Opa mit dem Wagen neben ihm, aber ohne den Anderen. Der ist wieder weg. Fridolin macht große Augen.
„Bleibt ein wenig hier auf der Bank“, sagt die Omi, „So viel Sonne ist nicht gut.“


von Helmut Rinke

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