Peerdkarren und Öwerrührschen

Helmut Rinke

Peerdkarren

„Hast du denn früher immer Pferde gehabt“, wollte ich von meinem Großvater wissen.
„Sicher“, erwiderte er, „Pferde hatte ich immer. Die brauchte ich für meinen Karren. Das letzte war der Max. Der ist achtzehn Jahre alt geworden. Son’n Wagen mit Moddor wollt eck nich hebben. Een Peerd hett okk min vadda alltiet hat un min Grootvadda ook.“
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Einseitiges Verlangen

MückenschwarmGesellig wie ein Hund folgt sie dir in jeden Raum.
Nachts,
Summt sie nur für dich eine lange Serenade.
Sie hält noch
an den alten Bräuchen fest.
Ohne Gnade
verlangt sie
für ihre Liebe
Einen Tropfen deines Blutes.

Und du?
Der Geliebte?
Am nächsten Tag
fluchst du.
Versprichst du sie zu töten.
Und immer wieder kratzt du blutig
den geschwollenen Knutschfleck.

 

(c) Laurelia Augustinowski

Frühling

ein leises Knistern, Knacken
Risse, die sich ausbreiten
wie ein Spinnennetz
ganz fein
und feiner
immer mehr
immer lauter
und Wärme
Licht, milchig doch
der entscheidende Schritt ist getan
mein Eispanzer hat einen Sprung

 

von Barbara Finke-Heinrich

Dieses Gedicht  wurde 2011 im Literaturkalender des polnischen Magazyn Cegla zweisprachig (also auch mit polnischer Übersetzung) abgedruckt.

Der Andere

Omi sitzt auf der Parkbank unter einem Baum. „Fridolin“, ruft sie. Der Kleine tappst auf sie zu. Ein laufender Meter, wie Opa sagt, der dabei ist, die Welt zu erkunden.
Fridolin sieht auf den Weg vor sich, vorsichtig. Da ist jemand. „Da, da“, babbelt er. Sein Finger zappelt voran. Er tippelt hinterher, der Andere immer voraus. Fridolin kommt ihm nicht näher. Seine Beine sind noch sehr kurz.
Die Omi winkt ihm. Er will zu ihr. Aber immer ist der Andere vor ihm. Fridolin bleibt stehen. Der Andere auch. Schwarz ist er, der Andere, und größer ist er auch.
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Metamorphose

der Spatz
in der Hand
ist mir lieber
als die Taube
auf dem Dach

so liebe ich
den Spatz
in der Hand
dass er
je länger je mehr
ähnlicher wird
der Taube
auf dem Dach

von Hans-Werner Kube
erschienen am 06.07.2016 in der WAZ

Frühling

er kommt gekrochen
über die Hügel
durch die Auen
bis in unseren Garten

mühelos
beherrscht er
bald das ganze Land
schmückt Zweige
und Böden

mein winterhartes
Herz ist bereit

von Hans-Werner Kube
erschienen am 29.02.2016 in der WAZ